Buchprojekte auf deutschen Crowdfunding-Plattformen

Stimmt noch, was ich im ver­gan­ge­nen Juni im Bör­sen­blatt behaup­tet habe: dass man über­zeu­gende Buch­vor­ha­ben auf deut­schen Crowdfunding-Plattformen mit der Lupe suchen muss? Ein aktu­el­ler Über­blick — unter Aus­klam­me­rung von Foto­gra­fie– und Comic-Projekten; Texte sol­len im Vor­der­grund stehen:  

Start­next: Auf der größ­ten deut­schen Crowdfunding-Plattform sind der­zeit vier Bücher in der Finan­zie­rungs­phase: Ein Desi­gn­buch für Blinde hat heute, am letz­ten Tag der Kam­pa­gne, Zusa­gen über 250 von 3000 Euro erreicht. Ein ein­zel­nes Science-Fiction-Buchkapitel, das per Print on Demand pro­du­ziert wer­den soll, hat noch drei Tage Zeit, um von heute 100 Euro Zusa­gen auf die benö­tig­ten 500 Euro zu kom­men. Der Ver­lag dan­zig & unfried will zwei Bände mit pri­va­ten Brie­fen von Eltern an ihre Kin­der ver­öf­fent­li­chen, benö­tigt dafür 3400 Euro, steht ganz am Anfang (eine Zusage über 10 Euro) und kann noch 31 Tage wei­ter für sein Vor­ha­ben wer­ben. „Wit­nessed“ soll eine eng­lisch­spra­chige Buch­reihe schwar­zer Auto­ren wer­den, die in Deutsch­land leben; in den nächs­ten 16 Tagen müs­sen noch knapp 4000 der ange­ziel­ten 4500 Euro zusammenkommen.

Bereits erfolg­reich abge­schlos­sen wur­den die Erstel­lung einer Lite­ra­tur­liste des schon exis­tie­ren­den, frei zugäng­li­chen „Lehr­bu­ches für Ler­nen und Leh­ren mit Tech­no­lo­gien“ L3T (Ziel: 280 Euro), ein Hör­spiel­Buch namens „Töne aller Arten“ (Ziel: 3300 Euro) und der Druck einer Mär­chen­samm­lung aus Libe­ria (Ziel: 770 Euro). Erfolg­los been­det wur­den die Finan­zie­rungs­kam­pa­gnen von unge­fähr 13 Buch­pro­jek­ten. Auf der Platt­form sind zahl­rei­che multi– und cross­me­diale Pro­jekte ver­tre­ten; ich habe nur jene mit­ge­zählt, bei denen ein Buch im Vor­der­grund steht bzw. eine wich­tige Kom­po­nente ist.

MyS­her­pas: Auf der der­zeit zweit­größ­ten deut­schen Platt­form gibt es in der Rubrik „Schrift­stel­ler“ genau zwei Pro­jekte, die beide bereits been­det sind: mein Sach­buch „Fri­endly Fire“ (Ziel: 6000 Euro; erreicht: knapp 8000 Euro) und ein Hör­buch zu einem Roman über Kin­der sucht­kran­ker Eltern, das sein Ziel von 5000 Euro weit ver­fehlte. In der Rubrik „Bil­dung“ fin­det sich noch das „fund­rai­sing 2.0 Cook­Book“, das sein Ziel von 6300 Euro eben­falls bei Wei­tem nicht erreicht hat.

Inku­bato: Das ein­zige aktu­elle Buch­pro­jekt Dritte Gene­ra­tion Ost­deutsch­land hat bereits 89% sei­ner Ziel­summe von 3000 Euro erreicht und hat beste Chan­cen, in den ver­blei­ben­den 31 Tagen den Rest zusam­men­zu­be­kom­men. Unter den bereits been­de­ten Kam­pa­gnen ent­de­cke ich kein Buchprojekt.

Visi­on­Bak­ery: Auf die­ser Platt­form gibt es keine Pro­jekt­ka­te­go­rie namens Buch, Lite­ra­tur oder Schrift­stel­ler. In der Kate­go­rie „Andere“ fin­den sich aber ein bilin­gua­les Kin­der­buch (Kam­pa­gne mit 1269 Euro erfolg­reich been­det), ein Buch über Leip­zigs Krea­tiv­szene (Kam­pa­gne läuft gerade aus und liegt mit 669 Euro bereits über der Ziel­summe) sowie Phase 0, ein Hand­buch und Inter­net­por­tal für die Durch­füh­rung von Pro­jek­ten (mit 2375 Euro erfolg­reich beendet).

Pling: Die mei­nes Wis­sens jüngste deut­sche Crowdfunding-Plattform weist in der Pro­jekt­ka­te­go­rie Schrift­stel­le­rei zwei bereits been­dete Finan­zie­rungs­kam­pa­gnen für Bücher aus: Ein Eso­te­rikbuch, das ins Eng­li­sche über­setzt wer­den sollte, ver­fehlte sein Ziel von 7000 Euro dra­ma­tischst, wenn man mir — selbst Lek­to­rin — die­sen unmög­li­chen Super­la­tiv bitte nach­se­hen möge; 21 Euro kamen zusam­men. Dage­gen konnte eine „fan­tas­tisch auto­bio­gra­phi­sche, naiv phi­lo­so­phi­sche Endzeit-Utopie“ genug Unter­stüt­zer über­zeu­gen, um das Ziel von 5000 Euro knapp zu übertreffen.

Fazit

Buch­pro­jekte haben auf den deut­schen Crowdfunding-Plattformen nach wie vor einen schwe­ren Stand. Ich hätte nicht gedacht, dass mein eige­nes Pro­jekt mehr als ein hal­bes Jahr nach dem Ende sei­ner Finan­zie­rungs­phase unter den erfolg­rei­chen Kam­pa­gnen noch immer die­je­nige mit der höchs­ten Ziel– und End­summe ist. Neben „Fri­endly Fire“ habe ich nur fünf wei­tere erfolg­rei­che Pro­jekte mit Ziel­sum­men über 1000 Euro gefun­den — das noch lau­fende Inkubato-Projekt bereits mitgezählt.

Das ein­zige Über­set­zungs­vor­ha­ben (also das ein­zige mit den Plä­nen von Kraut Publis­hers ver­gleich­bare Pro­jekt) ist gran­dios geschei­tert. Nicht, dass wir uns davon ent­mu­ti­gen las­sen wür­den. Aber um ein wirk­lich gutes Buch über­set­zen, lek­t­o­rie­ren, set­zen, mit einem ansehn­li­chen Cover ver­se­hen und dru­cken bzw. als E-Book auf­be­rei­ten zu las­sen, sind fünf­stel­lige Euro­be­träge von­nö­ten. Dafür eine hin­rei­chend große Crowd zusam­men­zu­be­kom­men — das wird harte Arbeit!

Über Andrea Kamphuis

Ich bin 1966 geboren, habe Biologie studiert und lebe als Autorin, Übersetzerin und Lektorin in Köln. Bis Mai 2008 war ich drei Jahre erste Vorsitzende des Verbands der freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL), den ich mit gegründet habe. Zur Zeit schreibe ich ein Sachbuch über Autoimmunerkrankungen, das ich z. T. mit einer Crowdfunding-Kampagne finanziert habe. Ich gehöre dem Aktionsbündnis "Urheberrecht für Bildung und Wissenschaft" und dem "D64 - Zentrums für Digitalen Fortschritt" an.
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2 Antworten auf Buchprojekte auf deutschen Crowdfunding-Plattformen

  1. Peter Haas sagt:

    Wir haben vor der Ver­öf­fent­li­chung unse­res Hand­buchs für Krea­tiv­ar­bei­ter „Kann man denn davon leben? Erfolg­rei­che Eigen­ver­mark­tung und Inter­net­öko­no­mie“ genau geschaut, wel­che Crowdfunding-Plattform uns hel­fen könnte, ein Ver­lag kam für uns nicht wirk­lich in Frage. Aber die Platt­for­men haben uns alle nicht über­zeugt, zu wahl­los erschei­nen die Pro­jekte dort.

    (Schon die Namen finde ich recht unglück­lich gewählt: inku­bato erin­nert an Früh­ge­burt und hohe Kin­der­sterb­lich­keit und myS­her­pas erin­nert mich an mensch­li­che Pack­esel, die ande­rer Leute Gepäck einen stei­len Berg hoch­tra­gen, damit diese sich als Gip­fel­be­zwin­ger fei­ern las­sen kön­nen. Sorry.)

    Ende Okto­ber haben wir unser Pro­jekt selbst gestar­tet, am 4.11.2011 zunächst nur als E-Book, als Self-Publishing-Projekt inklu­sive Crowd­fun­ding für den Druck unse­rer Erst­auf­lage. Am 7.12.2011 wur­den unsere 500 Print­Books der Erst­auf­lage gelie­fert, unser selbst orga­ni­sier­tes Crowd­fun­ding hat in weni­gen Wochen etwa 130 Vor­be­stel­ler des Print­Books mobi­li­siert. Mitte Dezem­ber hat­ten wir die ca. 3.000 Euro des Pro­jekts wie­der ein­ge­spielt und waren break even! Wir haben nicht bereut, unser Buch ohne Platt­form selbst her­aus­ge­bracht zu haben. Bis heute haben wir etwa 500 Bücher ver­kauft. Für alle, die unser Bei­spiel inter­es­siert, gibt es auch einen Blog, auf wel­chem wir aus­führ­lich den Fort­gang des Pro­jek­tes doku­men­tie­ren und beglei­ten.
    http://www.kann-man-denn-davon-leben.de
    liebe Grüsse an die Kraut Publis­hers von
    Peter Haas und Sil­via Holzin­ger
    IL MARE FILM

  2. Hallo Peter,
    vie­len Dank für den Erfah­run­ge­be­richt, und herz­li­chen Glück­wunsch zu eurem Erfolg.
    Bei den Plattform-Namen bin ich weni­ger kri­tisch. Ehr­lich gesagt finde ich viele Fir­men­na­men total albern, sobald ich anfange, über sie nach­zu­den­ken. End­lose Dis­kus­sio­nen über Namen, Logos, CI etc. sind m. E. unpro­duk­tiv — mein Stand­punkt: das kleinste Übel unter den Vor­schlä­gen aus­wäh­len und los­le­gen. „Kick­star­ter“ und „Indie­GoGo“ sind ja nun auch nicht genial, und den­noch flo­rie­ren die Platt­for­men.
    Auch an „Kraut Publis­hers“ schei­den sich die Geis­ter; man­che fin­den das Wort­spiel zu albern oder nicht nach­voll­zieh­bar — teils, weil sie zu gut, teils weil sie zu schlecht Eng­lisch kön­nen. ;-) Andere fan­den die Selbst­iro­nie sym­pa­thisch.
    Viele Grüße — auf einen guten Aus­tausch weiterhin!

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