Auf der re:publica habe ich Anfang Mai den Vortrag „A Webpage is a Book“ von Adam Hyde gehört, dem Gründer von Flossmanuals und Mitentwickler einer Open-Source-Software zum kollaborativen Bücherschreiben, die zunächst Booki hieß und dann in Booktype umgetauft wurde. Da wir bei Kraut Publishers auch zu mehreren an unseren Büchern arbeiten werden und uns dazu nur selten von Angesicht zu Angesicht werden treffen können, war ich neugierig, ob Booktype etwas für uns sein könnte.
Da Booktype nur unter gewissen Mühen auf einem eigenen Server installiert werden kann und da wir keine aussagekräftigen Testberichte im Netz gefunden haben, wollte ich zunächst eine öffentliche, bereits installierte Demoversion erproben, um zu entscheiden, ob sich der Aufwand lohnt. Software zur Kollaboration kann man naturgemäß unheimlich schlecht alleine testen. Daher habe ich in zwei thematisch passenden Facebook-Gruppen einige weitere Interessenten aufgetan. Unser Testprojekt wird ein Büchlein über Facebook-Gruppen für Büchermacher sein, das wir tatsächlich veröffentlichen wollen, sofern es uns gelingt, mit Booktype ein zufriedenstellendes Ergebnis zu erzielen.
Innerhalb des Programms bzw. des jeweiligen Buchprojekts gibt es nur wenig Raum für Metabetrachtungen, nämlich nur eine einzige „Notes“-Datei und den flüchtigen Chat. Deshalb möchte ich in diesem Artikel meine ersten Beobachtungen und Fragen zu Booktype notieren. Für Ergänzungen, Antworten und weitere Fragen wäre ich dankbar (-> Kommentarfunktion)!
Um die Demo-Installation zu nutzen, klickt man auf der Booktype-Seite auf „Demo“ und legt sich einen Account an. Wie in Social Media, Foren usw. üblich, kann man eine kurze Selbstbeschreibung, ein Profilfoto und eine Mailadresse hinterlegen. An diese Mailadresse gehen dann z. B. Mitteilungen über Änderungen am Buchprojekt. Wenn man alleine an einem Buch arbeiten möchte, kann man sofort ein Buchprojekt anlegen, d. h. ihm einen Titel geben und einige weitere Einstellungen vornehmen. Dabei bin ich gleich hereingefallen: Anders als der Begleittext es suggeriert, kann man ein Buch, das man zunächst als nichtöffentlich deklariert hat, später nicht für die Mitarbeit anderer öffnen. Also musste ich kurz darauf ein zweites Buchprojekt mit etwas anderem Titel anlegen und dieses als öffentlich deklarieren.
Außerdem habe ich eine sogenannte Gruppe angelegt und das neue Buchprojekt dieser Gruppe zugeordnet. Personen, die an dem Buch mitarbeiten möchten, müssen der Gruppe beitreten. In der Gruppe passiert nicht viel; man kann dort z. B. nicht über eine Art „Schwarzes Brett“ mit den anderen Gruppenmitgliedern kommunizieren. [Edit: Stimmt nicht, s. u.: Man kann Nachrichten an alle Gruppenmitglieder verschicken.] Die Kommunikation läuft entweder über individuelle Nachrichten, die man im eigenen Dashboard an andere bei Booktype angemeldete Personen schicken kann, oder über den Chat im Buchprojekt selbst.
Im Dashboard wird auch angezeigt, welche Bücher man angelegt hat und welchen Gruppen man angehört. Außerdem kann man bestimmten Personen oder Tags folgen. Was das bewirkt, ist mir im Moment nicht klar — aber vielleicht gibt das Benutzerhandbuch Aufschluss? Dieser user guide ist ein sogenanntes Floss Manual und ist, wie oft bei Open-Source-Software, noch ziemlich rudimentär. Das ist nicht als Kritik gemeint; mir ist klar, dass die Dokumentation ebenso wie die Software selbst von den Nutzern in freiwilligen Mitarbeit angelegt bzw. weiterentwickelt werden soll. Dennoch ist es für Einsteiger u. U. entmutigend, hier keine Antworten zu finden. Unpraktisch ist auch, dass die Dokumentation keine Suchfunktion hat.
Aber in diesem Fall habe ich Glück und erfahre unter dem Hilfepunkt „People -> Communication“ gleich auch noch, wie ich meiner gesamten Testgruppe eine Nachricht schicken kann:
Messaging works like any short message service (Status.net or Twitter). To message someone enter their @ followed by their username. To message a group use ! followed by the group name. Tags (#) are also supported. It is also possible to follow people, groups and tags.
Messaging in Booktype is not designed to be ‚just‘ for fun (although that is important!) but it is integrated into a collaborative workflow. From the editor is is possible to highlight text and click on the messaging button and that text is copied into the message. That means you can send messages with text snippets, images etc to others for proof reading or checking, translation etc.
Additionally when messaging is used this way an additional ‚context URL‘ is added which is included in the message. Clicking on this directs the recipient to the chapter from which the content was sent.
Die Möglichkeit zu direkten Verweisen auf Textstellen oder Kapitel klingt vielversprechend, denn genau das ist beim traditionellen E-Mail-Pingpong oder anderen Kommunikationsmethoden schwierig, weshalb es bei komplexeren Publikationsprojekten oft ein Kuddelmuddel der Versionen gibt oder versehentlich jemand aus dem Verteiler geflogen ist, der eigentlich auf dem Laufenden bleiben sollte.
Einmal angelegte Bücher oder auch einzelne Kapitel in diesen Büchern kann man nicht löschen. Ich werde jetzt meinen ersten Fehlversuch, das nichtöffentliche Buchprojekt, zum Erproben von Editor-Funktionen nutzen; wenn dabei etwas schiefgeht, zerstöre ich wenigstens nichts Wichtiges. — Wenn man an einem Buchprojekt weiterarbeiten möchte, klickt man im Dashboard neben dem entsprechenden Buch auf „edit“ und gelangt zunächst in die Kapitelübersicht, die am Anfang des Projekt noch recht leer aussieht. Hier sind aber bereits einige Kapitel angelegt:
Rechts ist das — derzeit leere — Chat-Fenster zu sehen, rechts unten tauchen die gerade am Buch tätigen Mitarbeiter auf. (Im Moment bin offenbar nur ich eingeloggt.) Ich kann hier neue Kapitel oder Abschnitte anlegen, ihre Reihenfolge per Drag&Drop ändern (sehr praktisch!) oder aber bestehende Textteile editieren. Öffne ich z. B. das Kapitel „Gruppen des Branchenverbands, so gelange ich in einen Editor, in dem man sich leicht zurechtfindet, sofern man ab und zu in einem Wiki, einem Blog oder einem CMS arbeitet:
Wichtig ist der Button ganz rechts, der über dem Textfeld zwei weitere Menüzeilen sichtbar macht und damit erst eine vernünftige Gestaltung des Textes ermöglicht:
Über die anderen Reiter oberhalb der Buchprojekt-Übersicht gelangt man zunächst zur Bilderverwaltung, in der man Abbildungen und andere Dateien hochladen oder löschen kann. Achtung: Dier Dateien sollten bereits vor dem Upload sprechend benannt werden, da man die Namen nicht nachträglich ändern kann. Gerade bei großen Projekten mit mehreren 100 Bildern entsteht sonst ein heilloses Durcheinander. Und die Dateinamen dürfen keine Umlaute enthalten; sonst misslingt der Upload.
Der Reiter „History“ zeigt an, wer wann an welchem Kapitel etwas gemacht hat (angelegt, Reihenfolge geändert, Text bearbeitet …). Man kann verschiedene Bearbeitungsstände miteinander vergleichen, wie man das vom MediaWiki kennt. Anders als dort kann man aber offenbar Änderungen nicht rückgängig machen. Über den Reiter „Versions“ kann man neue Versionen anlegen. Danach lassen sich aber ältere Textfassungen nicht mehr bearbeiten, daher wird hier zur Vorsicht gemahnt. Der Reiter „Notes“ führt in einen zweiten, sehr schlichten Editor, in dem man z. B. Konventionen für das Buchprojekt (Textumfang der Kapitel, Auflösung der Bilddateien usw.) festschreiben oder andere Dinge festhalten kann, für die der Chat zu flüchtig ist. Leider gibt es nur eine einzige Notes-Datei. Bei komplexeren Projekten wären mir mehrere Dateien (z. B. für die Bildredkation, für Lektorat und Korrektorat usw.) lieber.
Unter dem Reiter „Settings“ kann man z. B. die Creative-Commons-Lizenz auswählen, unter der das Buch erscheinen soll. Mit den übrigen Optionen („manage roles“, „manage chapter status“, „permissions and visibility“ usw.) habe ich mich noch nicht eingehend beschäftigt. Der letzte Reiter heißt „Publish“ und wird interessant, sobald das Buch wirklich fertig geschrieben, redigiert, korrigiert und bebildert ist:
Einem meiner Mittester ist bereits ein Widerspruch zwischen Dokumentation und Software aufgefallen: Laut Dokumentation kann man das Buch auch als HTML veröffentlichen („HTML: the templated HTML output can be downloaded put online as part of a website“), aber diese Option fehlt im Auswahlmenü.
So weit mein erster Rundgang durch die Software; Fortsetzung folgt. Ach ja: Wer neugierig ist, wie ein fertiges Buch aussehen kann, das mit Booktype erstellt wurde, sollte sich „Collaborative Futures“ ansehen: hier als PDF und hier als HTML. Es gibt auch eine Epub-Version.

Was ich im Artikel vergessen habe: In der öffentlichen Demo-Installation sind die ewig langen, nicht durchsuchbaren, sondern nur durchklickbaren User– und Gruppen-Listen sehr lästig. Aber das Problem dürfte bei eigenen Installationen nicht auftauchen; da wird es ja maximal ein paar Dutzend oder Hundert User und/oder Gruppen geben.
Mein bisheriger Eindruck: Das Programm eignet sich vielleicht zum Realisieren, aber weniger zum Entwickeln eines Buchkonzepts. Dazu müsste es z. B. Löschmöglichkeiten geben und mehr Gelegenheit zur (Meta-)Kommunikation.
Einer Testerin fiel auf, dass es offenbar keine Möglichkeit gibt, aus den Texten (halb-)automatisch ein Register o. ä. zu extrahieren. Das mag bei E-Books und anderen Dateiformaten nicht wichtig sein, da man die Dateien einfach durchsuchen kann. Für ein Print-Sach– oder Fachbuch ist ein Register jedoch oft unentbehrlich.
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